HUNGER

von Marion Schilcher

Sommer in der Stadt. München, Theatinerstraße.

Es ist später Vormittag und schon sehr heiß. Wie es in der Stadt in den Straßenschluchten eben ist, hier staut sich die Luft auch nachts und lässt einen ab mittags kaum atmen.

Mir fällt ein älterer Herr auf, der im Schatten eines Hauses steht, wie um Halt suchend fast an die Mauer gelehnt, aber doch nicht ganz.

Schon beim ersten Blick fällt er aus dem Rahmen: er trägt ein Wolljackett, ein bis zum Kragen zugeknöpftes kariertes Hemd, ist korrekt angezogen, fast zu korrekt und angesichts der Temperaturen doch seltsam unpassend. 

So steht er da, klein, fast zart, ich sehe, dass Hemdkragen und Jackett einen äußerst schlanken Körper umspielen, die altmodischen Schulterpolster gaukeln breite Schulter vor. Mir scheint, er klammert sich irgendwie an seine lederne Aktentasche, die allerdings leer zu sein scheint. Man sieht ihr an, dass sie schon viel erlebt hat. Das sieht man auch ihm an.

Er fällt wohl nur mir auf. Alle anderen gehen achtlos vorüber. Er steht da ja auch so still und bescheiden, nur wenig größer als ich, auf meiner Augenhöhe, vielleicht sehe ich ihn deshalb.

Unsere Blicke treffen sich und er geht langsam in meine Richtung, kommt auf mich zu, ich bleibe stehen.

Ich habe Zeit, ich Glückliche. Und immer Freude an menschlichen Begegnungen, Interesse an Geschichten, die das Leben so schreibt. Geschichten, die mich scheinbar zufällig finden

„Ich habe Hunger, haben Sie etwas Geld für mich?“ Gnädige Frau fügt er noch hinzu. Ich sehe das Flackern der Hoffnung in seinen Augen und ich fühle es: er hat wirklich Hunger.

Kaum vorstellbar: ein Mann in der Theatiner Straße inmitten einer deutschen Großstadt mit, inmitten von Massen von Menschen, hat Hunger. Wirklich Hunger. Ich habe wirklichen Hunger nie erlebt, stelle es mir ganz furchtbar vor. Allein der Gedanke, dass es das in unserem Land gibt, macht mich traurig und wütend. Meine Oma hat mir erzählt, dass sie im Krieg beinahe verhungert wäre, es gibt da Fotos. Das ist sehr präsent für mich. 

Er sagt, er kommt aus Ungarn, seine Arbeitserlaubnis ist noch nicht eingetroffen und er hat kein Geld. Mir ist es egal, ob das stimmt oder nicht.

Sein Auftreten ist so viel anders als das, der vielen Menschen, die einen überfallen, wenn man den U-Bahnschacht verlässt, die einen körperlich bedrängen, anfassen, hinterherlaufen. Und dann Schimpfwörter nachschicken, wenn man ihn nichts oder zu wenig gegeben hat.

Ich will mehr über ihn wissen, lade ihn zum Essen ein. Und ja, ich will auch wissen ob er wirklich Hunger hat oder ob er einfach nur Geld wollte. Und es ist so: seine Augen leuchten, als er sich das bestellen kann, was er gerne essen möchte und noch mehr als es serviert wird.

Er erzählt, seine Frau ist gestorben, er hat keine Kinder und auch sonst keinen einzigen Menschen auf der Welt. Keinen einzigen Menschen, der zu ihm gehört. 

Vorübergehend wohnt er bei einem anderen älteren Mann, der selbst nicht genug Geld hat, um sich mit Essen zu versorgen und deshalb wird er die nächsten Tage immer wieder hier stehen.

In Ungarn hatte er einen guten Job, Ingenieur, alles war prima, bis die Firma geschlossen wurde, seine Frau starb. Nun will er sein Glück hier versuchen, obwohl man ihm anmerkt, dass er bereits ziemlich desillusioniert ist.

Ihm zuzusehen, wie achtvoll er das Essen genießt ist für mich so viel mehr  als ein „danke“.

Zum Abschied umarme ich ihn, er sagt: Sie haben mich gestärkt an Leib und Seele, Sie Engel.

Er steht da, erinnert mich an meinen liebsten Opa, vielleicht ist er mir deshalb gleich aufgefallen, obwohl er leicht zu übersehen gewesen wäre. Ich bin glücklich.