ICH BIN KLEIN UND DU BIST ALT

von Marion Schilcher

Gestern war auf VOX die letzte Folge eines TV-Experiments zu sehen.

Die Frage: Ältere Menschen und Kindergartenkinder – wie passt das zusammen? Kann das funktionieren? Wie können diese beiden Gruppen sich bereichern? Und nicht zuletzt: wie wirkt sich das auf den Gesundheitszustand, die allgemeine Resilienz der Senioren aus? Was können die Kinder von den alten Menschen lernen? Wie verändern sich die Kinder?

Die Idee: zehn quirlige Kinder im Alter von vier Jahren treffen sechs Wochen lang täglich zehn Senioren, die in einer Seniorenresidenz leben. Der Gesundheits- und auch der psychische Zustand der älteren Menschen ist nicht durchgehend gut. Die Doku soll zeigen, wie sehr sich alte und junge Menschen im Alltag unterstützen und bereichern können. Wird das gelingen? Kann es für beide Gruppen eine gute Zeit werden, wird es ein Annähern und sogar Freundschaften geben?  

Die Senioren sind anfangs skeptisch, was sich aber schnell legt: die Kinder sind unvoreingenommen, neugierig, so wie Kinder eben sind. Für sie ist so vieles neu, was für die Senioren selbstverständlich ist, sie sind gefordert von den Kindern: eine Erklärung hier (warum hast du so Kreuze (Falten) auf den Wangen?) eine Unterstützung da (beim Plätzchenbacken). Sie können gar nicht anders, als sich voll und ganz auf die Kleinen einzulassen. Und sie tun es auch, sind begeistert, dass die Kinder schnell Nähe suchen. Wachsen über ihre Grenzen hinaus, haben plötzlich wieder Mut und Kraft und vor allem viel Spaß und Freude. Sehen einfach nur glücklich aus, wenn die Kinder auf ihrem Schoß sitzen. 

Da kommt es vor, dass vor lauter Eifer beim Eierlauf am Sportplatz schon mal der Rollator vergessen wird und man einfach so losläuft. Und es hinterher gar nicht fassen kann, dass man es getan hat. Man merkt, dass das den Senioren so viel Mut und Sicherheit gibt, dass letztlich alle – jeder auf seine Weise – über sich hinauswächst.

Auch wenn es anstrengender ist, als das gewohnte ruhige Leben, wie sie sagen.

Das Programm ist vielfältig, bunt und ausgewogen: vom Basteln über Sport, Ausflügen und Spaziergängen, bis zum Gesichterschminken und am Schluss einer gemeinsamen Abschiedsvorstellung auf der Bühne für die Angehörigen ist alles dabei. Da wird tagelang zusammen gesungen und geübt, alles klappt ganz wunderbar und am Ende bekommen die Akteure Standing Ovations von den begeisterten und zu Tränen gerührten Zuschauern.

Bei der abschließenden Gesundheitsuntersuchung haben sich die Werte aller älteren Menschen im physischen und psychischen Bereich so sehr verbessert, dass selbst die Experten staunen. 

Die Eltern der Kinder berichten ebenfalls von Veränderungen: es haben sich echte Freundschaften entwickelt, die Kinder erzählen begeistert von ihren neuen „Freunden“. Sie haben neue Dinge, neue Worte gelernt und wollen ihre neuen Lieblingsmenschen unbedingt auch nach dem Projekt weiterhin treffen. 

Gleichzeitig mit dem Entstehen der Freundschaften zwischen Kindern und Senioren haben sich auch Freundschaften unter den Residenzbewohnern entwickelt. Zwei Damen haben sich was vorgenommen: Auf den Lift verzichten und die Treppen benutzen. Sie schaffen es und sitzen anschließend glücklich und lachend wie zwei Teenager auf dem Sofa und feiern ihren Erfolg mit Sekt.

Das waren drei Folgen, die wirklich mein Herz berührten. Es kann so einfach sein, eine Win-Win-Situation unter jungen und alten Menschen herzustellen.

Da sind die spannden und anrührenden Geschichten der Menschen, die alle so viel erlebt und vor allem gemeistert haben – und auf der anderen Seite die Offenheit und Neugier aufs Leben der Kinder.

Das ist es, was mich begeistert: Geschichten, die das Leben schreibt.

Das Original-Konzept aus England „Old People’s Home for 4 Year Olds“ hat 2017 bereits zwei bedeutende Preise gewonnen.

Noch zu sehen in der Mediathek von VOX-Now.
Gerade lese ich, dass eine zweite Staffel geplant ist, wenn eine passende Einrichtung gefunden ist. Wunderbar.